Kuschelmonster-Blog

Hinter den Kulissen von RIESENmikroben & Co.

Die Höhle der Löwen

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Schon seit 2005 strahlt die BBC unter dem Namen „Drangon’s Den“ die europäische Adaption eines ursprünglich japanischen Sendeformats aus, in dem Teilnehmer ihr Unternehmen und ihre Geschäftsidee potentiellen Investoren vorstellen und um Kapitalbeteiligungen werben.

Bei den Investoren, den „Drachen“, handelt es sich um erfolgreiche Unternehmer, die in der Sendung eigenes Geld investieren.
Zu Beginn der Präsentation nennt der Unternehmer die benötigte Summe und den Anteil am Unternehmen, den er im Gegenzug abgeben möchte. Während um die Höhe des Anteils später noch gefeilscht werden kann, muss die genannte Mindestsumme auf jeden Fall erreicht werden, sonst ist der Teilnehmer gemäß den Spielregeln gescheitert.

In Großbritannien befindet sich die Show inzwischen in der zwölften Staffel, immerhin zwei der fünf Dragons aus der ersten Staffel sind immer noch dabei. Auch in Kanada ist die Sendung sehr erfolgreich, der US-Ableger „Shark Tank“ besetzte deshalb bequemerweise zwei der fünf Investorenplätze mit kanadischen „Dragons“.

Anders als in Großbritannien und in Kanada ist die amerikanische Version auffallend manipulativ geschnitten, die Verhandlungen zwischen Teilnehmern und Investoren werden übertrieben dramatisiert. Darunter leidet der ursprünglich sehr teilnehmerfreundliche Grundtenor der Sendung, an dessen Stelle ein regelmäßiger Rückblick auf die erfolgreichen Teilnehmer vergangener Sendungen tritt, die in gestellten Einspielern die Zusammenarbeit mit den „Sharks“ und die so erzielten Erfolge überschwänglich loben.

Nun hat also VOX das Format als „Höhle der Löwen“ für Deutschland adaptiert und sich dabei erfreulicherweise stärker in Richtung England als in Richtung USA orientiert. Insofern ist es falsch, die Sendung – wie in der Presse mehrfach geschehen – als deutsches „Shark Tank“ zu bezeichnen und Vergleiche vorwiegend mit der US-Version anzustellen.

Den letzten erwähnenswerten Versuch, ein erfolgreiches internationales Format aus dem Themenbereich „Existenzgründung“ in Deutschland zu etablieren, unternahm RTL 2004 mit „Big Boss“, der Adaption von „The Apprentice“. In einer Art prophylaktischem Kniefall vor der unternehmerfeindlichen Stimmung hierzulande wurde das Konzept aber bis fast zur Unkenntlichkeit weichgespült und anstelle gestandener Self-Made-Unternehmer wie Donald Trump und Alan Sugar der hoffnungslos überforderte Reiner Calmund als Chef präsentiert. Geblieben sind nur die köstliche Persiflage durch Oliver Kalkofe (http://www.granatenmaessigrecherchiert.de/mattscheiben,clipid,1104.html) und ein zehnjähriger Fluch auf dem Thema „Startup-TV“.

Auch den „Löwen“ fehlt es im Vergleich mit den „Dragons“ und den „Sharks“ etwas an Format. Frank Thelen als Internet-Unternehmer ist doch einige Nummern kleiner geraten als die Vorbilder Mark Cuban (USA) oder Peter Jones (UK), ebenso Teleshopping-Queen Judith Williams – jedenfalls verglichen mit ihrem Pendant Lori Greiner (USA). Am stärksten fällt Lencke Wischhusen aus dem Rahmen, die keine eigenen Startup-Erfolge vorweisen kann, sondern „nur“ das elterliche Unternehmen übernommen hat. Zum „Dragon“ oder „Shark“ hätte das nicht gereicht.

So ist damit zu rechnen, dass auch die Investitionen hierzulande eine Nummer kleiner ausfallen werden. Wobei man wissen muss, dass nicht jeder vor der Kamera geschlossene Deal auch tatsächlich zum Vertragsabschluss führt. Beide Seiten können auch später noch aussteigen, z.B. wenn bei der Prüfung der während der Sendung gemachten Angaben Unstimmigkeiten auftauchen oder die Teilnehmer sich entschließen, die durch die Sendung gewonnene öffentliche Aufmerksamkeit lieber ohne Beteiligung des Investors zu verwerten.

Den „Löwen“ ist ein sorgfältiges Studium ihrer internationalen Pendants anzumerken, auch die Strukturierung der Angebotskonditionen entspricht dem dort gängigen Muster.

Zum Fragenrepertoire gehören stets:
* Welche Umsätze/Gewinne wurden bereits erzielt?
* Wieviel Geld haben Sie investiert?
* Gibt es Interessenten?
* Wie hoch ist Ihre Gewinnspanne?

Dass die Teilnehmer sich im Regelfall von deutlich mehr Unternehmensanteilen als veranschlagt trennen müssen, gehört ebenfalls zum international etablierten Prozedere. Während einige „Dragons“ und „Sharks“ ihre Rechenwege dabei transparent machen und Zielrenditen sowie Preis-Ertrags-Verhältnisse nennen, scheinen die „Löwen“ im Moment noch nach dem Motto „Pi mal Daumen plus 20%, besser zu viel als zu wenig“ vorzugehen.
Sicher kommt erschwerend hinzu, dass die deutlich profilierteren „Sharks“ und „Dragons“ bereits etablierte Absatzkanäle und eingespielte Kontakte zu großen Handelsketten haben. Bis auf Judith Williams und – mit Abstrichen – Jochen Schweizer scheinen die „Löwen“ in dieser Hinsicht ziemlich schwach auf der Brust zu sein. Zumal im deutschen Einzelhandel stärker als in den USA und England auf Discountkonzepte und Eigenmarken gesetzt wird.

Während Mark Cuban also Dirk Nowitzki und die Dallas Mavericks als Werbeträger in die Waagschale werfen kann, andere „Dragons“ und „Sharks“ über etablierte Lifestyle-Marken, Eishockeyclubs, Laden- oder Restaurantketten verfügen und einem Produkt somit auch im Alleingang zum Durchbruch verhelfen können, ist von den „Löwen“ im Moment wenig mehr als das investierte Geld zu erwarten.

Bekannte Muster zeigen sich auch in den von der Redaktion ausgewählten Unternehmertypen. Klar ist, dass hier kein repräsentativer Durchschnitt präsentiert wird, sondern Geschäftsideen, die für den durchschnittlichen VOX-Fernsehzuschauer möglichst greifbar sein sollen. Das erklärt den geringen Anteil an Online-Unternehmen. Mit der Zeit erkennt man aber einige Unternehmertypen bzw. Ideen, die – meist von Anfang an ohne Chance auf Erfolg – von den Redaktionen gern als Drachen- bzw. Löwenfutter verwendet werden:

  • Der verrückte Erfinder: Einzelkämpfer oder Paar, die Haus und Hof für eine mehr oder weniger clevere Idee riskieren. Vorgeführt werden hier fortgeschrittener Realitätsverlust, gern auch gepaart mit Tränen und völliger Verzweiflung. Manchmal kommt es zu einem Mitleidsdeal oder ein Investor bietet eine Anstellung im eigenen Unternehmen an.
  • Der Yuppie: Nach dem (BWL-) Studium an einer möglichst renommierten Hochschule hat er sich mit einer marginalen, oft völlig fachfremden Idee selbständig gemacht. Außer hohlen Phrasen und hochtrabenden Konzepten ist jedoch keine Substanz vorhanden, Umsätze und Gewinne sind lediglich Prognosen. Lieblingsspruch: „Wenn wir auch nur 1% des weltweiten Marktes für uns gewinnen können, reden wir über ein Umsatzpotential von mehreren Fantastilliarden“.
  • Der Franchisegeber: Hat ein kleines Unternehmen (Gastronomie oder Dienstleistung) zu bescheidenem Erfolg geführt, ist aber an die Grenzen des Wachstums gestoßen. Glaubt nun, dass er als Franchisegeber reich werden kann, übersieht jedoch, dass zahlreiche Aspekte, die sein Unternehmen erfolgreich gemacht haben, nicht so einfach zu vervielfältigen sind.
  • Die Traumtänzerin: Nach gescheiterter Karriere im eigentlich angestrebten (meist sozialen oder künstlerischen) Bereich hat sie sich aus der Not geboren selbständig gemacht, kommt aber immer noch auf keinen grünen Zweig. Hier findet man oft selbstgemachte oder fair gehandelte Lebensmittel (Cupcakes, Süßigkeiten, Tee), aber auch Brettspiele, Kinderkleidung oder Konzepte für Yoga-Kurse. Wird von den Investoren mit der Empfehlung, sich endlich der Realität zu stellen, nach Hause geschickt.
  • Der Black Swan: Versucht sich an einer augenscheinlich attraktiven Geschäftsidee, an der jedoch schon zahlreiche andere Unternehmer gescheitert sind, weil der Kapitalbedarf erheblich unterschätzt wird (Gastronomiekonzepte, Veranstalten von Festivals, Abo-Boxen mit Spielzeug/Lebensmitteln, Aufbau von Online-Marktplätzen, Etablierung von Lifestyle-Marken beim Endverbraucher). Glaubt trotzdem, dass er der Erste sein wird, der es schafft.

Zum Schluss noch zwei „Dragon’s Den“-Klassiker aus England:

Levi Roots findet Peter Jones als Investor für seine Reggae Reggae Sauce. Levi und die Soße wurden später zum Millionenerfolg: https://www.youtube.com/watch?v=kQTzLJCUtjk

Susanne Chishti, ehemalige Investmentbankerin, zeigt in bestem Arnold-Schwarzenegger-Akzent, wie man es nicht machen sollte:
http://youtu.be/uJg0bzKiOr0?t=31m9s
Inzwischen ist sie übrigens in einem Unternehmerinnennetzwerk als Beraterin für Startups tätig (http://www.meetup.com/Ten-Digital-Ladies/member/155417832/), ausgehend von ihrem „Dragon’s Den“-Auftritt hoffentlich nicht allzu erfolgreich.

 

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